Rede in Weinähr zum Volkstrauertag am 16.11.2025

Kriegsgräber Friedhof Weinähr

Liebe Weinährerinnen und Weinährer,

ich begrüße euch alle herzlich zur diesjährigen Gedenkfeier des Volkstrauertags!

Auch in diesem Jahr stehen wir wieder hier zusammen und es herrschen immer noch Kriege – es fühlt sich schon fast nach trauriger Normalität an. Der Ukraine-Krieg seit dreieinhalb Jahren und der Krieg in Gaza seit zwei Jahren. Dann sprechen wir noch nicht von all den Gräueltaten der internen Konflikte in vielen Ländern auf dieser Welt. Und das häufig aufgrund von Extremismus und ideologischer Vorstellungen; weil jemand anders ist; weil jemand anders denkt oder weil jemand etwas hat was jemand anderes will. Aber macht die Einzigartigkeit nicht jeden Menschen besonders? Kann man anderen nicht etwas gönnen und zufrieden mit dem sein, was man hat?

Ich frage mich, wenn ich alte Bilder von Weinähr sehe, vor den Weltkriegen: Waren wir hier unglücklich? Wollten wir hier, dass die deutschen Landesgrenzen sich verschieben? Ich denke beides kann man verneinen. Und doch wurde man vor 111 Jahren und vor 86 Jahren teil des Krieges, wofür man selbst nichts konnte. Dabei kann man sich fast noch glücklich schätzen, dass der Krieg in Weinähr selbst doch erst ziemlich spät ankam – aus der Dorfchronik von 1952:

„Am Abend des 27. März 1945 rückten von Nassau kommend etwa 30 amerikanische Panzer gegen Obernhof vor, mussten aber bei der zerstörten Eisenbahnbrücke Kehrt machen, da sie ihnen den Weg versperrte. So kamen sie bei einbrechender Dunkelheit in Weinähr an. Verschiedene Häuser mussten geräumt werden. Viele Leute schliefen auf der Grube und in der Kirche. Auch diese Drangsale sind heute längst vergessen.“

51 Weinährer, die hier auf dem Denkmal stehen, haben mit ihrem Leben bezahlt. Einer von Ihnen war gerade einmal 18 Jahre alt. 1952 wusste man gar nur von 37 Gefallenen. D.h., was mit den 14 weiteren Personen war, war unklar. Eine Zeit der Ungewissheit verbunden mit dem Funken der Hoffnung, dass er oder sie doch überlebt haben könnte.

Totengedenken

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder
danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und
Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden,
weil sie einem anderen Volk angehörten,
einer anderen Rasse zugerechnet wurden,
Teil einer Minderheit waren oder deren Leben
wegen einer Krankheit oder Behinderung
als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand
gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
und derer, die den Tod fanden, weil sie an
ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und
politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und
anderen Einsatzkräfte,
die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind.

Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus,
Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten und
teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Gedenkrede

Frieden ist gleichbedeutend mit Freiheit. „Freiheit gelingt nur, wenn sie nicht rücksichtslos ist, sondern im Bewusstsein unserer Verantwortung füreinander gelebt wird.

Etwas Gutes tun, ohne gleich dafür einen Lohn zu erwarten. Das ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“ (Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., 2025)
Auch das darf nicht vergessen werden.

Damals in der Dorfchronik, aus der Sicht der damaligen Weinährerinnen und Weinährer, war das Vergessen vielleicht notwendig, um wieder normal leben zu können.

Heute – 80 Jahre nach dem Ende des Krieges oder besser dem Tag der Befreiung – darf dieses Vergessen nicht passieren und ist vielleicht aktuell so wichtig wie schon lange nicht mehr. Damals herrschte nach den Weltkriegen jeweils Ungewissheit und Angst vor dem Kommenden. Nach dem 1. Weltkrieg führte dies letztendlich zum 2. Weltkrieg.

Und heute kommen diese Gefühle wieder und leider entsteht daraus bei immer mehr Menschen wieder ein Gefühl des Hasses. Dieser Hass, der aktuell auch einen Angriff auf unsere Demokratie ausübt, darf nicht gewinnen! Auch für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen: Das darf nicht nochmal passieren und muss gemeinsam verhindert werden!

Gerade deswegen ist es wichtig, dass wir uns hier versammelt haben, um diesen Tag der Mahnung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sodass die Fehler von damals nicht nochmal wiederholt werden

Denn man darf nie vergessen, dass auch „die Bewegung eines Schmetterlings unter bestimmten Umständen zu einem Hurrikan führen kann, der Tausende von Kilometern entfernt ist, so können auch unsere kleinen Taten zu enormen Ereignissen werden“ (Zsolt Balla, 2025).

Daran müssen wir bei unserem Handeln immer denken und diese Erinnerungskultur aufrecht erhalten, die gleichzeitig auch eine Verpflichtung gegenüber den Toten, eine Verantwortung für die kommenden Generationen und eine Mahnung an uns alle ist:

Toleranz, Respekt, Solidarität und Menschlichkeit – Für diese Werte müssen wir uns einsetzen.

KRANZNIEDERLEGUNG

Im Gedenken an all die, die für uns ihr Leben ließen, legen wir nun den Kranz nieder.

Familien wurden auseinandergerissen, zerstört und ausgelöscht. Väter, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen konnten. Männer, die so jung waren, dass sie eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Frauen, die ihren Mann verloren. Kinder, die ihren Vater nie kennenlernen durften.

Menschen verloren sinnlos ihr Leben oder sind bis heute vermisst. In Weinähr sind die Kriegsgräber am Friedhof und dieses Denkmal hier ein Symbol des Nicht-Vergessens. Eine Mahnung, was falsche Ideologien, Hass, Gewalt und Kriege anrichten können.

Lasst uns nun gemeinsam innehalten und diesen Menschen gedenken.

In Erinnerung bleiben die Weinährer:

  1. Peter Born
  2. Rudolf Born I
  3. Rudolf Born II
  4. Johann Brentano
  5. Heinrich Brentano
  6. Gangolf Brück
  7. Otto Bücker
  8. Heinrich Burgard
  9. Heinrich Dörstel
  10. Josef Dreis
  11. Egidius Eberth
  12. Heinrich Gilberg
  13. Hubert Göbel
  14. Johann Holl
  15. Heinrich Hombach
  16. Anton Jung
  17. Franz Kops
  18. Johann Kops
  19. Fritz Körstges
  20. Willi Lappas
  21. Kurt Licht
  22. Johann Linscheid
  23. Heinrich Ludwig
  24. Christian Ludwig
  25. Gottlieb Maul
  26. Ernst Meier
  1. Johannes Sabel
  2. Karl Sabel
  3. Josef Scherer
  4. Peter Scherer
  5. Edmund Scherer
  6. Johann Scherer
  7. Rolf Schlehstein
  8. Else Schlehstein
  9. Heinrich Merten
  10. Johann Mono
  11. Josef Mono
  12. Richard Renner
  13. Gisbert Schmidt
  14. Josef Schmitz
  15. Peter Schmitz
  16. Richard Schwamm
  17. Peter Sehl
  18. Wilhelm Send
  19. Alois Steudter
  20. Johann Winkler
  21. Willi Winkler
  22. Bernhard Winkler
  23. Josef Winkler
  24. Heinrich Wolf
  25. Peter Wolf

„Der gute Kamerad“

Fürbitte

Gott,

vieles in unserer Welt ändert sich und Sicherheiten zerbrechen.

Inmitten des lauten und vielstimmigen Angebots an Wahrheiten
fällt es schwer, sich zu orientieren. Viele Informationen und
Argumente strömen auf uns ein und eine gute Entscheidung
scheint im schnelllebigen Alltag fast aussichtslos.

Schicke du uns deinen Geist der Unterscheidung, damit wir
erkennen, wer in deinem Sinne spricht und handelt.

Schenke uns einen langen Atem und hilf uns, im Vertrauen auf
dich zu wachsen.

Amen!

Dank an Unterstützer

Ich möchte mich bei allen hier Anwesenden und vor allem den Ortsvereinen für das Beisein dieser Gedenkfeier bedanken. Denn nur wenn wir gemeinsam das Nicht-Vergessen aufrechterhalten und gemeinsam gegen Unrecht vorgehen, haben wir eine Chance, dass zumindest hier bei uns nicht noch einmal solch schreckliche Ereignisse eintreten…

Verabschiedung

Lasst uns nun zum Abschluss dieser Gedenkfeier für die Toten und Vermissten der Weltkriege für unsere Gemeinde, aber auch für alle Toten und Vermissten von Kriegen und vor allem für den Frieden in der Welt gemeinsam das „Vater unser“ beten.